Besucher- und Bilderboom – Die Kunstfete geht weiter

Ein Sekt, ein Schnack, ein Schnäppchen: Wie uns Kunst Mensch sein lässt.

Er ist wieder da, der Rundgang der SpinnereiGalerien in Leipzig und mit ihm sein Gefolge von Kreativen, SammlerInnen und KulturbürgerInnen der Stadt, Region und darüber hinaus. Es ist der erste „richtige“ Rundgang seit Januar 2020, bevor wir die Kultur wegen Corona in Quarantäne schickten – über ein Jahr liegt das nun zurück.

Was haben wir danach gedürstet, was haben wir geharrt und gehofft, endlich wieder in Schwärmen hinaus ziehen zu können, auf die pflastersteinige Buckelpiste der alten Baumwollspinnerei! Eng an eng gedrängt – soweit wir das noch ungeniert zulassen können – stehen wir nun wieder in den Vernissagen vor den neuesten Werken Leipziger und internationaler KünstlerInnen. Wir bestaunen, wir raunen, wir tauschen uns aus, in und vor den Galerien, rauchen und tauchen ein in die Menge der Schaulustigen und Kaufinteressierten. Ein Sekt in der einen Hand, die andere explizit gestikulierend in der Luft, auf Malerduktus oder Bildsprache verweisend, die kreativen Ergüsse feuchtfröhlich feiernd. Eine flirrende Szenerie, wie sie auf einem impressionistischen Gemälde eines Pariser Boulevards kaum lebendiger und bunter festgehalten sein könnte. Was für eine Befreiung, was für ein Fest!

Kunst ist nicht das Brot, aber die Weinschorle des Lebens

Es ist für mich der erste Rundgang seit ich-weiß-nicht-mehr, auf dem ich selbst nur Gast sein darf, nicht mehr einer der Akteure, Organisatoren und Publikumsbespaßer. Bisher habe ich den wohlgesonnenen Besucherinnen Sekt ins Glas gegossen und zum Gesprächshäppchen gereicht. Nun kann ich frei Laune von Ort zu Ort flanieren, über Kunst schwelgen und alle 20 Meter einen Schnack abhalten. Es ist berauschend, in die vielen begeisterten Gesichter zu schauen, die einem beim Gang von Galerie zu Galerie über den Weg laufen. Bei diesem Event muss man einfach dabei sein! Und tatsächlich trifft man hier auf alle möglichen Menschen verschiedenr Milieus. Alle haben sich bestens herausgeputzt: bei den jungen Hipstern erkennt man die neuesten Trends, der/die eher mittelalte KunstkennerIn trägt gern klassisch schwarz, die Kunstdandys in Knallfarben schwingen ihre Designerhandtaschen und die SammlerInnen im casual business Look bevorzugen auffällig unauffällige hochgekrempelte Hemden, die knittrig und etwas zu gewollt leger über der Jeans hängen, wobei die teuren Armbanduhren lässig auf dem Handgelenk liegen. Sie alle schlemmen den üppigen Bilderschmaus und scheinen davon nicht satt zu werden. Überall schallt Gelächter, Geplapper, Gläsergeklapper.

Kunst ist elitär und egalitär zugleich. Fotos (c) Nils A. Petersen

Ich schlendere von Ausstellung zu Ausstellung und freue mich, so viele Bekannte und Freunde zu treffen, die ich gefühlte Jahre nicht gesehen habe. Auch wenn die Kunst der Anlass ist, warum wir alle hierher gekommen sind – letztlich geht es vielmehr noch um das soziale Happening, das kollektive Rauscherlebnis, das uns alle eint und nach dem wir uns in den letzten, langen Monaten so verzehrt haben. In jedem beiläufigen „Hallo, wie geht’s dir? Lange nicht gesehen!“, schwingt etwas Erlösendes mit, als seien wir nach langem Leiden wieder auferstanden und müssten uns gewiss werden, dass wir wirklich noch lebendig sind. Doch, wir sind es! Und es scheint, als habe der Lockdown und all die beschwerenden, beunruhigenden Gefühle über die Ungewissheit, uns jetzt umso mehr Kraft und Lebenslust geschenkt. Perlwein und Weinschorle tun ihr Übriges. Und so wird viel sinniert und diskutiert, über die Systemrelevanz von Kunst und Kultur und auch darüber, ob es nicht generell viel mehr staatliche Förderprogramme für Künstlerinnen geben sollte. „Ich finde, wir sollten uns diese Lebensqualität einfach wert sein“, sagt eine Freundin. Ein Freund nickt und fügt ergänzend hinzu: „Auch wenn ich ohne Kunst leben könnte, wollen tue ich es nicht. Das ist mir jetzt erst so richtig bewusst geworden.“

Meine Kunst koof ich mir!

Auch bei den GaleristInnen ist die Stimmung ausgelassen, der Prosecco teuer – ein gutes Zeichen. Es wird gelacht, nachgeschenkt und sogar die ein oder andere Hand geschüttelt – ein klares Signal dafür, dass man wieder Vertrauen fassen und die Lockdown-Last langsam abschütteln kann. „Es läuft“, lautet unisono das Understatement-Fazit der ansässigen Galerie-Community und heißt übersetzt wahrscheinlich so viel wie: Gott sei Dank – die Leute kaufen und uns fällt ein Stein vom Herzen. Die Rundgänge sind ja bekannt dafür, hier und da ein Schnäppchen schießen zu können, indem man Werke aufstrebender Jungkünstler erwirbt, auch wenn das immer mit Risiko behaftet ist. Aber darin liegt natürlich auch der Reiz eines jeden spekulativen Investments, was der Kunstkauf oftmals ist. Die Künstler und Galerien freut’s natürlich, wenn nicht nur die großen Namen Anklang finden. Und die Unterstützung und Ausstellung junger Positionen ist ja auch irgendwie eine Art Kulturförderung. Ja, Galerien sind zweifelsohne wichtige Kulturstätten.

Bislang musste jedenfalls keine der SpinnereiGalerien schließen, alle sind offenbar mehr oder weniger gut im Geschäft. Die ganze Branche ist im Vergleich zum restlichen Handel halbwegs glimpflich durch die Corona-Krise gekommen, verzeichnete aber trotzdem 30% Umsatzeinbruch, wie laut der Studie des Bundesverbandes deutscher Galerien und Kunsthändler durchschnittlich errechnet wurde. Die Kunstmessen, wo sonst am meisten umgesetzt wird, waren weitestgehend weggebrochen. Meiner Einschätzung nach kamen den Galerien in Leipzig in dieser Not nicht nur die Soforthilfeprogramme des Bundes zugute und dass sie als Verkaufsräume mit einer treuen Kundschaft noch bis in den November letzen Jahres hinein öffnen durften. Auch die zunehmende Bereitschaft der Käufer, Kunstwerke online zu erwerben mag dazu beigetragen haben, selbst wenn bisher nur wenige Leipziger Galerien das anbieten. Die Tendenz, sich mehr und mehr online auszurichten, scheint sich durch Corona dennoch zum wachsenden Trend zu entwickeln. Ein Galerist, der schon länger einen online-Shop auf seiner Website integriert hat, verrät mir auf seinem Weg in die Galerieküche, ein Tablett leere Gläser in den Händen, dass der Shop 2020 doppelt viel eingebracht habe, wie in den Jahren zuvor. Plopp! Darauf ein Stößchen!

Kunst – das ist der Mensch

Der Tag neigt sich dem Ende entgegen und die hellstrahlenden Galerieräume leuchten in das Dunkel des Abends hinein. Die Gäste verabschieden sich von den Galeristen, von neuen Bekannten, alten Freunden, von Kollegen und von der Kunst, aber nur vorübergehend. Die letzten Gläser werden geleert und während die meisten nach Hause schlendern, dröhnt irgendwo der Bass einer Anlage durch die Stille und verspricht, dass die Nacht noch nicht zu Ende sein wird. Die Kunst hält uns wach und wäscht den Staub des Lockdowns von der Seele.

Termine für die nächsten Rundgänge und Eröffnungen der SpinnereiGalerien:

November 2021

Januar 2022

Verwendete Zitate namhafter Künstler:

Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens. (Jean Paul)

Mein Leipzig lob‘ ich mir! (Johan Wolfgang von Goethe)

Ich kenne keine bessere Definition für das Wort Kunst als diese: Kunst – das ist der Mensch. (Vincent van Gogh)

Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele. (Pablo Picasso)

Kunst hat die Aufgabe wachzuhalten, was für uns Menschen so von Bedeutung und notwendig ist. (Michelangelo)

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